Im Gespräch mit P. Niklaus BrantschenMeditation als Schule radikaler Präsenz und Verbundenheit Im dritten Monatsgespräch geht Gesprächspartner Pater Niklaus Brantschen auf die Frage ein, was Meditation ist und bewirken kann.  Pater Niklaus Brantschen Im letzten Monatsgespräch war von der Verflachung des Begriffes Spiritualität die Rede. Ist nicht auch das Wort «Meditation» zu einem Allgemeinplatz geworden, genauso einsetzbar im gesundheitlichen wie im geistigen Bereich? Es gibt verschiedene Gründe, um zu meditieren – und der gesundheitliche Aspekt ist durchaus nicht zu verachten. Immer gut ist auch die Stress abbauende, heilsame Wirkung der Meditation. Bei der Zen-Meditation machen zuweilen Menschen mit, die sich umsehen wollen und an verschiedensten Kursen teilnehmen. Wenn die Neugier gestillt ist, suchen sie sich etwas anderes. Für mich ist die Zen-Meditation eine Schule der radikalen Präsenz und Offenheit. Meditation bleibt dann auf halbem Weg stecken, wenn sie in der Innerlichkeit verhaftet bleibt. Mit anderen Worten: Innerlichkeit muss sich äussern. Meditation ist ein Weg zu sich selbst, aber zugleich ein Weg zur Welt – vergleichbar mit dem Rhythmus des Ein- und Ausatmens. Bei allen verschiedenen Formen der Meditation ist für mich das Kriterium dies, ob der Mensch durch die Meditationspraxis offener wird für die Welt und den Mitmenschen – oder ob er mit Meditation nur gerade Nabelschau betreibt. Hat der Drang vieler Menschen, die sich aufmachen und den Jakobsweg beschreiten, auch mit Meditation zu tun? Auffallend viele Menschen, die meditieren, entschliessen sich früher oder später, den Jakobsweg zu gehen. Sie berichten, der ruhige Rhythmus des Wanderns – Schritt um Schritt, Atemzug um Atemzug – sei ihnen zur spirituellen Übung geworden. Der Jakobsweg führt sie wie die Meditation zu sich selbst – anders etwa als das Joggen, das auch seine Bedeutung hat. Menschen, die den Jakobsweg gehen, werden zudem hinein genommen in den grossen Pilgerstrom durch die Jahrhunderte. Sind Sie schon einmal nach Santiago de Compostela gewandert? Nein, aber ich war einmal mit einer Gruppe auf einem zehntägigen Fastenmarsch. Wir wanderten zum Sitz der Uno in Genf – auf dem Jakobsweg. Das gemeinsame oder auch alleinige Unterwegssein hat schon seinen tiefen Sinn. Man fragt ja auch manchmal «bisch zwäg?» – bist du auf dem Weg? In einem Interview haben Sie von der tiefen Freundschaft gesprochen, die Sie mit einer Frau, mit Pia Gyger verbindet und die weder Sie noch Ihre Freundin in Konflikt mit einem einmal abgelegten Gelübde gebracht habe. Stand schwerer Verzicht im Vordergrund oder hat die akzeptierte Askese die Beziehung sogar vertieft? Einfach war dieser Weg nicht, geht es doch um einen Weg des bewussten Verzichts, der aber nichts mit Verdrängung zu tun hat. Frau Gyger ist Psychologin und hätte Verdrängungstendenzen sofort erkannt. Unser Weg hat auch nichts zu tun mit einer Verteufelung der Sexualität, die eine wunderbare Kraft ist. Diese Kraft will unbedingt gelebt sein. Aber sie kann sublimiert und in die Lebensform, wie wir sie gewählt haben, integriert werden. Sie will fruchtbar gemacht werden in geistiger Mutter- und Vaterschaft, dies ist ihr tiefer Sinn. Der Mensch soll dabei aber nicht verkümmern, sondern in der Beziehung die Erfahrung von Fülle und Reichtum machen. Dieser Reichtum bleibt nicht auf die partnerschaftliche Beziehung begrenzt, sondern weitet sich aus und steht damit im Dienst für die Welt. Sie entwerfen hier das Bild einer ganz sublimen und hohen Form von Erotik. Sie ist ganz gewiss nicht jedermanns und jederfraus Sache. Es ist aber immer hilfreich, festzustellen, dass es diese Beziehungsform in der Tradition immer wieder gegeben hat. Und wichtig ist auch der Hinweis, dass sich in der Entwicklung der Menschheit ein neuer Sinn für Geschlechtlichkeit herauszubilden beginnt, der über die genitale Anziehung – die keinesfalls verurteilt werden soll! – hinaus- und als Anziehung der Herzen ernst genommen wird. Viele Ehepaare, die ihre Sexualität leben, sind sehr dankbar, an unserem Beispiel zu erleben, dass auch in einer zölibatären Beziehung Herzlichkeit und Innigkeit möglich ist. Interview: M. Zweifel
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